WUEMI108: Kein Umsonst, kein Draussen, und die Gearschten der Kultur

18. Juni 2020 in Würzburg. Eigentlich würden sich Ralf und Alex an dem Tag auf den Mainwiesen beim Umsonst & Draussen herumtreiben und Ralf Duggen zuwinken, der als einer der Köpfe des Festivals mit Rad und Hut über das Gelände führe. Aber stattdessen sitzen Ralf und Ralf zu genau dieser Zeit mit gebührenden Abstand in Ralfs Küche und Alex ist online zum Podcast zugeschaltet.

Corona hat dem Kulturleben einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Ralf Duggen erzählt, was die Absage für das U&D und dessen Zukunft bedeutet. Und auch wie wenig rosig die Gegenwart der Kulturschaffenden aussieht. Den viele Künstlern geht es existenziell gar nicht gut, und manche haben richtig die Arschkarte gezogen.


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Shownotes

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ralf

Journalist, Blogger, Webdesigner - und hier macht er einen Podcast.

2 Gedanken zu „WUEMI108: Kein Umsonst, kein Draussen, und die Gearschten der Kultur“

  1. Ralf Duggen ist kein Kulturmacher, sondern Kulturvermarkter. Als Konzertveranstalter hat er über Jahrzehnte eintrittsfreie Umsonst-Musikfestivals (z.B. U&D) etabliert. Die Grundidee war den Besuchern kostenlos Eintritt zu gewähren und den auftretenden Musikern und Bands keine Gage und nur geringste Kostenentschädigungen auszuzahlen. Geld wurde freilich trotzdem in mittlerer sechsstelliger Höhe umgesetzt. Verdient haben aber lediglich der Veranstalter (U&D), Techniker, Sicherheitsdienste, Brauereien, Gastronomen. Musiker und Künstler gingen prinzipiell (fast) leer aus. Somit ist Ralf Duggen für die prekäre finanzielle Situation von regionalen Musikern und dem schleichenden Niedergang musikkultureller Infrakstruktur mitverantwortlich. Kein freier Veranstalter kann auf Dauer gegen hochprofessionelle, subventionierte, überregionale Festivals bestehen. Die Schließung von ehemals lebendigen Veranstaltungsorten (Pleicher Hof, Blauer Adler etc.) legt davon ein trauriges Zeugnis ab.

    Es entbehrt daher nicht eine gewissen Ironie, wenn ausgerechnet Ralf Duggen diese Entwicklung in diversen regionalen Medien (MP) beklagt und Hilfe von der Politik einfordert. Die Pandemie ist dafür mittel- und langfristig gesehen nicht verantwortlich zu machen. Jetzt finden kostenlosen Streamingkonzert ohne Publikum eben im Internet und nicht mehr auf der umzäunten Talavera-Wiese statt. Wer glaubte, als Musiker ohne Gage zu spielen wäre der Karrieretiefpunkt, der wird gerade eines besseren belehrt. Schlimm für Musiker und Bands, weil sie damit ihre Musik endgültig und dauerhaft entwerten. Ungünstig aber natürlich auch für Umsonst-Veranstalter, weil sie bei dieser nächsten Stufe der künstlerischen Selbstausbeutung von Musikern und Bands nicht mehr gebraucht werden, auch nicht mehr mitverdienen. Externe Organisation, reale Infrastruktur und Sponsoren sind nicht mehr erforderlich. Die Zeiten ändern sich.

    Als regionaler Musiker und ehemaliger Veranstalter eigener Konzerte beobachte ich diese kuriose Entwicklung neugierig und interessiert. Es fällt mir allerdings schwer mit Veranstaltern, die Musiker und Bands jahrzehntelang finanziell ausgenutzt haben und Musikern und Bands, die sich jahrzehntelang ausnutzen haben lassen, Mitgefühl zu empfinden. Stattdessen haben mir in den zurückliegen Jahren die engagierten Kleinveranstalter leid getan, die mit jedem Konzert persönliche Risiken eingegangen sind, mir kleine, aber faire Gagen gezahlt haben und irgendwann doch verzweifelt ihre Läden und Bühnen dicht machen mussten, weil kostenlose Großveranstaltungen wie U&D, StraMu und das geschmacklose Würzburger Stadtfest alle ernsthaften, kleinkulturellen Bemühungen gnadenlos und offenen Auges kaputt gemacht haben. Auch junge Musiker und Bands tun mit leid: Gab es früher noch hier und da eine Gelegenheit sich zu zeigen, bleibt heute nur noch das Netz und es ist eben was anderen, ob man sich vor kleinem Publikum ausprobieren und entwickeln kann oder ob man mit dem Smartphone ein wackeliges Kinderzimmerkonzert auf FB streamt.

    Ich habe mich vor genau zehn Jahren öffentlich gegen die von Ralf Duggen professionell praktizierte Ausbeutung von Musikern und Bands ausgesprochen und vor den gefährlichen Folgen gewarnt. Hat natürlich keinen Interessiert. Veranstalter wollten weiterhin Geld verdienen, die Leute wollen weiterhin kostenlos Konzerte besuchen. Ich wurde als Nestbeschmutzer geschnitten (auch von diesem Blog) und auch außerhalb des U&Ds kräftig ausgebremst (Ralf Duggen hat einen langen Arm: Kulturamt, Beposterung, Ringparkfest, Kulturpreise, Kulturrat etc.). Habe mich in der Folge als Musikproduzent, Blogger und Filmemacher anderen Arbeitsfeldern zugewandt, bei denen ich nicht auf die regionale Infrastruktur und ihren mächtigen Vertretern angewiesen war. War eine große Herausforderung, aber hat geklappt. Die angebliche Krise für Musikschaffende geht gerade fast spurlos an mir vorbei. Aber das will auch keiner hören. Die Geschichte von der armen, regionalen Musikkultur in der Auslegung von Ralf Duggen klingt anscheinend besser.

    An Ralph Thees: Wenn du mal wieder was für die lebendige regionale Musikszene machen willst, dann besprich doch das gerade erschienene Kompilationsalbum “So klingt Würzburg 2020!” mit 20 Tracks verschiedener Würzburger Sänger und Musiker. Zu finden auf allen kostenpflichtigen Download- und Streamingprotalen, leider nicht umsonst oder kostenfrei, aber das Geld kommt immerhin fast direkt bei den Songschreibern und Musikern an. Apple, Amazon, Spotify teilen ihre Profite selbstverständlich mit den Künstlern. Klingt gut, oder?

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